Zwei Winterjacken für‘s Gewissen und ein Kreuzerl für die FPÖ

„Danke Wien!“, postete eine Freundin auf Facebook. Sie atmete erleichtert auf, dass die FPÖ, dass Strache nicht die Nummer eins in der österreichischen Bundeshauptstadt wurde – und mit ihr atmete mindestens halb Österreich auf. Der Rest möchte die Antibaby-Pille im Wiener Leitungswasser sehen, weil dort die größten Idioten Österreichs leben würden (nämlich alle, die nicht die FPÖ gewählt haben) – so unterschiedlich können die zwei Seiten einer Medaille sein.

Die Meinungsumfragen haben uns den Blick für das Wesentliche verlieren lassen.

Denn ganz ehrlich: Sind wir wirklich schon so weit, dass wir uns über 32 Prozent für die FPÖ freuen? Weil es „nur“ 32 Prozent sind? Weil „nur“ ein Drittel der Wiener Wähler sich für die Rechten entschieden hat? Immerhin ist die SPÖ ja noch sieben Prozentpunkte vorne, eine rot-grüne Koalition geht sich noch aus. Glück gehabt, wir können uns gerade noch so den Angstschweiß von der Stirn wischen und auf die Schultern klopfen, alles ist super, wir sind noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen. Wir haben es wieder einmal allen gezeigt: Wir sind gar nicht so nationalistisch, so rechts, so braun, wie unser Ruf, immerhin haben wir es den Meinungsumfragen gezeigt und es kam nicht so schlimm wie befürchtet – typisch Österreich halt. Aber wie geht es weiter? Wenn die Umfragen den Rechten die absolute Mehrheit vorhersagen und sie schaffen „nur“ die relative – jubeln wir dann auch noch und betonen, dass doch alles nicht so heiß gegessen wie gekocht wird? Wir beziehen unsere Reaktion auf das relative Ergebnis zur Umfrage. Mit dem eigentlichen Resultat hat das gar nichts zu tun. Denn hätten die Vorhersagen der FPÖ nur 15 Prozent vorhergesagt – ja, dann wäre Österreich jetzt in einer Schockstarre, Politiker würden sich die Schuld zuschieben, der eine oder andere müsste zurücktreten, man würde sich fragen, wie es zu den 32 Prozent kommen konnte – und niemand wurde den Wiener Bürgermeister Häupl feiern, dass er bei der TV-Diskussion noch einmal das Schicksal herumgerissen hätte, sondern er wäre der Buhmann, er hätte es verbockt. Einer hat halt immer das Bummerl.

Eine große Zahl der Wähler hat den zweiten Weltkrieg, hat den Holocaust nicht mehr miterlebt. Gottseidank. Laut sind die Stimmen, die rufen, dass es auch einmal ein Ende mit dem ewigen Entschuldigen für das vergangene Unrecht haben muss. Zu Recht. Die dritte, vierte Generation kann nun wirklich gar nichts mehr dafür, was ihre Ur- oder Ururgroßeltern angestellt haben. Was sie nicht gesehen haben, nicht sehen wollten, worüber sie geschwiegen haben, wogegen sie sich nicht gewehrt haben, wobei sie mitgemacht haben. Aber wir haben daraus gelernt, haben wir immer betont – und deswegen sei es jetzt auch einmal gut.

Aber haben wir daraus gelernt? 490 Mal wurden heuer in Deutschland schon Flüchtlingsunterkünfte angegriffen. Sonst ganz anständige Bürger geben hier wie dort äußerst unanständige und unappetitliche Aussagen von sich wie „Hast du dir das schon einmal angeschaut? Das sind ja nur Männer! Für Frauen und Kinder würde ich alles geben – aber für Männer? Mit Smartphones?!“ oder „Jetzt sind sie noch freundlich, die Männer, wo wir ihnen alles geben, was sie wollen. Aber ihr werdet schon noch sehen, was ihr davon habt, wenn das anders ist! Dann holen sie sich nämlich einfach, was sie brauchen!“ Haben wir wirklich etwas aus den Fehlern unserer Vorfahren gelernt? Und wenn ja – wieso zeigen wir das nicht? Reicht es, zwei Winterjacken und fünf Wasserflaschen an die Flüchtlingshilfe zu spenden, um ein guter Mensch zu sein? „ICH bin doch nicht ausländerfeindlich, ich setze mich schließlich für Flüchtlinge ein!“ Und dann, am Sonntag: Kreuzerl bei FPÖ. Danke Wien. Viel haben wir anscheinend nicht gelernt. Aber man kennt das ja aus der Schule: Manches muss öfters wiederholt werden, bis der kleine Maxi es sich merkt. Gott bewahre uns davor.

(Foto: Official U.S. Marine Corps photo by Lance Cpl. Achilles Tsantarliotis)

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